Käfer wechselten in der Kreidezeit den Speiseplan

(18.03.2020) Wie ein Schnappschuss konserviert Bernstein vergangene Welten. Ein internationales Team um Paläontologen der Universität Bonn hat nun vier neue Käferarten im versteinerten Baumharz aus Myanmar beschrieben, die zur Familie der Kateretidae gehören.

Sie kommen auch heute noch mit wenigen Arten vor. Neben den etwa 99 Millionen Jahre alten Insekten sind auch Pollen im Bernstein eingeschlossen.

Offenbar halfen die Käfer damals beim Siegeszug der Blütenpflanzen, weil sie zu deren Verbreitung beitrugen. Die Käfer profitierten umgekehrt von der neuen Nahrungsquelle. Die Ergebnisse sind nun im Fachjournal „iScience“ veröffentlicht.


Zahlreiche Exemplare der Kateridenkäfer in einem Bernstein vom Institut für Geologie und Paläontologie in Nanjing (China). Mit eingeschlossen sind Pollenkörner von primitiven Seerosen.

Die Forscher haben die neuen Käferarten anhand von Exemplaren in vier Bernsteinstücken aus Kachin (Myanmar, früher bekannt als Burma) beschrieben. Die Stücke werden auf ein Alter von 99 Millionen Jahren datiert und stammen aus der Kreidezeit, als die Dinosaurier eine reiche und vielfältige Gruppe bildeten.

Zwei der Stücke befinden sich im Museum für Naturwissenschaften in Barcelona (Spanien), während die beiden anderen Exemplare im Institut für Geologie und Paläontologie in Nanjing (China) aufbewahrt werden.

„Obwohl Myanmar immer wieder mit Funden von großer wissenschaftlicher Bedeutung überrascht, ist es nicht häufig, dort Bernsteinstücke mit zahlreichen enthaltenen Organismen zu finden“, sagt Projektleiter Dr. David Peris, der aus Spanien kommt und als Postdoc der Alexander von Humboldt-Stiftung am Institut für Geowissenschaften der Universität Bonn forscht.

Mit Wissenschaftlern aus den USA, Spanien, Deutschland, China und der Tschechischen Republik hat er das Projekt durchgeführt.

In drei der untersuchten Bernsteinstücke waren zahlreiche Käfer eingeschlossen, während das vierte Stück nur ein Exemplar dieser Familie enthielt. Zahlreiche Pollenkörner verschiedener Gruppen von Samenpflanzen, einige längst ausgestorben, sind mit den Käfern im Baumharz überliefert.

Peris: „Diese enge Assoziation lässt vermuten, dass die Körner durch die Bewegung der Käfer in dem zähflüssigen Harzklumpen verteilt wurden.“

Die Käfer-Familie existiert heute noch

Die Kateretidae sind eine kleine Familie von Käfern mit weniger als 100 beschriebenen modernen Arten, die heute in Südamerika und anderen gemäßigten und subtropischen Gebieten leben. Die Arten dieser Familie ernähren sich von Pollen und Blütenteilen. Aufgrund ihrer Ernährungsgewohnheiten werden sie heute als Bestäuber von Blütenpflanzen (Angiospermen) angesehen.

Aber in der mittleren Kreidezeit hatte gerade erst ihre rasche Entwicklung begonnen. Zuvor besiedelten Nacktsamige Pflanzen (Gymnospermen) die Erde, zu der auch unsere Nadelhölzer zählen. „Der wichtigste Aspekt dieser Studie ist, dass die Pollenkörner in drei der Bernsteinstücke nicht zu den Blütenpflanzen gehören“, berichtet Peris.

Die Pollenkörner auf dem Käfer des vierten Bernsteins stammen jedoch von einer Seerose, einer Gruppe sehr primitiver und früh erscheinender Angiospermen.

Lebensgemeinschaft zum gegenseitigen Nutzen

Eine Vielzahl von bestäubenden Insekten im Bernstein sind bekannt, aber fast alle betreffen Gymnospermen (Nacktsamer). Als die Blütenpflanzen (Angiospermen) ihre frühe Entwicklung begannen, stellten sie eine neue Ressource dar, die von den Kateridenkäfern genutzt wurde.

Die Käfer passten sich schnell an und begünstigten eine Lebensgemeinschaft zum gegenseitigen Nutzen: Die Blütenpflanzen dienten den Käfern als Nahrungsquelle und diese Tiere trugen zur Verbreitung der neuen Angiospermen durch Bestäubung bei.

In früheren Studien wurde vermutet, dass die Käfer zu den Insektengruppen gehören könnten, die die frühesten Blüten bestäubten. Einige dieser Tiere hatten die Fähigkeit zur Bestäubung von Gymnospermen schon deutlich vor dem Auftreten von Angiospermen entwickelt.

„Unsere Studie unterstützt diese Hypothese einer bedeutenden Wirtspflanzenverlagerung, da es heutzutage keine mit Gymnospermen assoziierten Kateretiden gibt“, sagt Peris. Die Anpassung an die neue Ressource habe sich als evolutionär vorteilhaft erwiesen.

Publikation

Peris, David; Labandeira, Conrad C.; Barrón, Eduardo; Delclòs, Xavier; Rust, Jes; and Wang, Bo: Generalist pollen-feeding beetles during the mid-Cretaceous, iScience, DOI: 10.2139/ssrn.3492117


Weitere Meldungen

Ungewöhnlichen Fund: Ein winziger Eidechsen-Vorderfuß der Gattung Anolis ist im rund 15 bis 20 Millionen Jahre alten Bernstein eingeschlossen.; Bildquelle: Jonas Barthel

Seltenes Echsenfossil überdauerte im Bernstein

Der winzige Vorderfuß einer Eidechse der Gattung Anolis ist vor rund 15 bis 20 Millionen Jahre in Bernstein eingeschlossen worden. Bei dem seltenen Fossil ist unter dem Mikroskop jedes Detail erkennbar.
Weiterlesen

Bauchansicht der Larve eines Fächerflüglers, die in einem nur etwa fünf Millimeter großen baltischen Bernstein eingeschlossen ist.; Bildquelle: Hans Pohl/FSU

Teilchenbeschleuniger enträtselt Parasitenlarve

Als der Jenaer Biologe Dr. Hans Pohl auf eBay ein in Bernstein eingeschlossenes Insektenfossil aufspürte, war die Entdeckerfreude groß
Weiterlesen

Stechmücke der Gattung Forcipomyia im miozänen Bernstein Neuseelands; Bildquelle: International Association for Gondwana Research und Alexander Schmidt, Universität Göttingen

Erste Bernsteinfossilien Neuseelands entdeckt

Paläontologen finden große Bernsteinvorkommen auf der Südhalbkugel
Weiterlesen

Ein seltener Fund: Die neue Wasserläufer-Art, eingeschlossen in Spanischen Bernstein.; Bildquelle: Senckenberg

Wasserläufer in Bernstein: neu entdeckte Wanzenart ist der älteste bekannte Fund weltweit

Senckenberg-Wissenschaftlerin Mónica M. Solórzano Kraemer hat gemeinsam mit einem internationalen Team zwei neue Wanzenarten in einem Bernstein entdeckt
Weiterlesen

Bizarr gestaltete Larve eines Schmetterlingshafts aus der Ordnung der Netzflügler (Neuroptera: Ascalaphidae) in Baltischem Bernstein – im Juni 2017 von der Harvard University zurückerhalten; Bildquelle: Tanja R. Stegemann, Universität Göttingen

Verschollen geglaubte Bernsteine mit Inklusen wiederentdeckt

Die Königsberger Bernsteinsammlung war einst die größte wissenschaftliche Sammlung tierischer und pflanzlicher Einschlüsse in Bernstein aus dem Baltikum
Weiterlesen

Konserviert in einem goldenen Sarg: Trauermücke eingebettet in Fushun-Bernstein; Bildquelle: Bo Wang / Universität Bonn

Chinesische Mücken an der Ostsee

Es ist ein merkwürdiger Befund, über den Forscher aus China, Europa und den USA in der Zeitschrift „Current Biology“ berichten: Vor 50 Millionen Jahren lebten im Osten Asiens ganz ähnliche Insekten wie in Nordeuropa
Weiterlesen

 49 Millionen Jahre alten Milbe im Baltischen Bernstein, die sich am Kopf einer Spinne festgesaugt hat; Bildquelle: Universität Manchester

Computertomographie eines Milbe-Fossils im Bernstein

Ein Deutsch-Britisches Forscherteam veröffentlicht am 9.11.2011 in der Fachzeitschrift Biology Letters den Fund einer winzigen, 49 Millionen Jahre alten Milbe im Baltischen Bernstein, die sich am Kopf einer Spinne festgesaugt hat
Weiterlesen

CT-Scan von Eusparassus crassipes; Bildquelle: A. McNeal, University of Manchester

Fossile Riesenkrabbenspinnen nach mehr als 44 Millionen Jahren entschlüsselt

Hochaufgelöste Bilder von Bernsteinfossilien belegen jetzt, dass Eusparassus, eine Gattung der Riesenkrabbenspinnen, schon vor 44 Millionen Jahren existierte
Weiterlesen


Wissenschaft


Universitäten


Neuerscheinungen