Bäume rufen Vögel und räuberische Insekten um Hilfe

(25.04.2022) Waldbäume senden bei Befall durch Pflanzenfresser Duftstoffe aus. Damit locken sie räuberische Insekten und sogar Vögel an und befreien sich so von ihren Plagegeistern.

Was bislang nur in Laborexperimenten nachgewiesen worden war, konnten Forschende unter Leitung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Leipzig nun erstmals im natürlichen Lebensraum zeigen – im Kronendach des Leipziger Auwalds.

Die chemischen Hilferufe bestimmen sogar die Zusammensetzung der Insektengemeinschaft im Blätterdach. Dieses Wissen kann künftig für die natürliche Schädlingsbekämpfung in Land- und Forstwirtschaft nützlich sein.


Die Leipziger Forschenden konnten den pflanzlichen "Hilferuf" erstmals im natürlichen Lebensraum - im Blätterdach des Leipziger Auwaldes - nachweisen.

Ja, auch Bäume können sprechen. Allerdings nicht wie wir akustisch, sondern über Duftstoffe. Ähnlich eines menschlichen Fingerabdrucks stößt jede Baumart ihre ganz eigene Zusammensetzung flüchtiger organischer Stoffe (VOCs) aus.

Dieses Muster lernten Tiere im Laufe der Evolution zu „lesen“. Insekten, die an diesen Bäumen fressen, finden so ihre Wirte. Doch die Bäume reagieren darauf „angefressen”. Sie mobilisieren einerseits andere Pflanzenstoffe wie etwa Bitterstoffe, die den Pflanzenfressern nicht schmecken. Zudem geben sie weitere flüchtige Stoffe ab, um andere Teile der Pflanze in Alarmbereitschaft zu versetzen.

 Mit diesen locken sie zusätzlich aber auch andere Tiere wie Vögel und räuberische Insekten an, die ihnen zuhilfe eilen. Diese ebenfalls gelernt, die VOCs zu interpretieren und so ihre Beute zu finden und drängen so die „Schädlinge” zurück. Aus Sicht der Bäume hat sich so also eine Art „Hilferuf“ entwickelt.

„Dass Pflanzen bei Schädlingsbefall chemisch parasitierende Wespen, Raubwanzen und sogar Vögel anlocken können, war schon länger bekannt“, sagt Erstautor Dr. Martin Volf, der die Studie am iDiv geleitet hat, inzwischen aber am Biology Centre of the Czech Academy of Sciences arbeitet.

„Für ausgewachsene Bäume wurde dieser Abwehrmechanismus jedoch bislang nie in einer realistischen Umgebung getestet. Möglich wurde dies durch die Kombination von Untersuchungsmethoden, von Tierverhaltensexperimenten in 40 Metern Höhe auf dem iDiv Auwaldkran, bis hin zur molekularen Analyse der Pflanzenduftstoffe mit Metabolomik“, meint der Biologe. Als Metabolomics wird die systematische Untersuchung der einzigartigen chemischen Fingerabdrücke von Organismen, in diesem Fall von Baumblättern, bezeichnet.

Um den Effekt der induzierten Abwehr auf Fraßfeinde zu testen, täuschten die Forschenden chemisch einen Fraß vor, indem sie Zweige in den Kronen ausgewachsener Eichen mit Methyljasmonat besprühten, einem Pflanzenhormon, das die Abwehrreaktion auslöst. Außerdem beklebten sie diese Blätter mit Raupenattrappen aus Plastik und dokumentierten regelmäßig die Biss- und Pickspuren durch Vögel und andere Räuber.

Die vorhandenen echten Raupen der Eichenschädlinge wurden auf induzierten und nicht-induzierten Ästen erfasst und die von den Ästen abgegebenen flüchtigen Stoffe im Labor analysiert. In einem Verhaltensexperiment wurde zudem eine etwaige Präferenz von Schwammspinnerraupen (Lymantria dispar) gegenüber den Blättern induzierter und nicht-induzierter Äste ermittelt.

Es zeigte sich, dass induzierte Äste wesentlich stärker von Fraßfeinden wie Vögeln, Schlupfwespen und Raubwanzen angeflogen wurden als unveränderte Äste. Dort war auch die Zahl der Eichenschädlinge wesentlich geringer. Im Fraßtest mieden die Raupen des Schwammspinners induzierte Blätter, was darauf hindeutet, dass die Bäume Abwehrstoffe wie Tannine abgeben, die in den molekularen Analysen identifiziert wurden.

Die induzierte chemische Abwehr stellte sich in der neuen Studie als der wichtigste Steuermechanismus der Artenzusammensetzung von Insekten in Baumkronen heraus.

„Die Ergebnisse machen die verschiedenen Dimensionen sichtbar, in der die biologische Vielfalt wirkt: So bedingen sich die Vielfalt der chemischen Abwehrkräfte von Bäumen und die Vielfalt der von ihnen abhängigen Insektenfresser“, meint Martin Volf.

Letztautorin Prof. Nicole van Dam, Leiterin der Forschungsgruppe Molekulare Interaktionsökologie am iDiv und der Universität Jena, sagt: „Die Erkenntnisse können uns helfen, alternative, natürliche Strategien zur Schädlingsbekämpfung in der Land- und Forstwirtschaft zu finden und so das Vorhaben umzusetzen, Pestizide zu sparen.“

Und sie fügt hinzu: „Die Studie ist auch ein hervorragendes Beispiel für gelungene integrative Biodiversitätsforschung, da hier ganz verschiedene Dimensionen der Diversität, chemische und ökologische, zusammengeführt werden können, ermöglicht durch moderne Infrastruktur.“

Diese Forschungsarbeit wurde u. a. gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; FZT-118) und ein Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt Stiftung für Martin Volf (Ref.3.3- CZE- 1192673- HFST- P).

Publikation

Volf, M., Volfová, T., Seifert, C. L., Ludwig, A., Engelmann, R. A., Jorge, L. R., Richter, R., Schedl, A., Weinhold, A., Wirth, C. & van Dam, N. M. (2021): A mosaic of induced and non-induced branches promotes variation in leaf traits, predation and insect herbivore assemblages in canopy trees. Ecology Letters.


Weitere Meldungen

Professorin Helene Dörksen mit männlichen Küken; Bildquelle: TH OWL

Forschende bestimmen Embryonen-Geschlecht jetzt ohne das Ei zu beschädigen

Die Mathematikerin Professorin Dr. Helene Dörksen hat das von ihr weiterentwickelte Verfahren zur Geschlechtsbestimmung von Hühnerembryonen verbessert
Weiterlesen

Mit einem kleinen Rucksack samt QR-Code lassen sich soziale Interaktionskarten erstellen. So stellten die Forschenden fest, dass Weibchen ihre Partner hauptsächlich anhand des Dialekts auswählen; Bildquelle: MPI für biologische Intelligenz, i.G. / Wolfgang Forstmeier

Zebrafinken singen in unterschiedlichen Dialekten

Zebrafinken-Männchen lernen ihren Gesang durch das Nachahmen von Artgenossen. Um in der Masse aufzufallen, entwickelt jedes Männchen dabei seinen ganz individuellen Gesang
Weiterlesen

Seeadler; Bildquelle: Royal Society for the Protection of Birds/Ian McCarthy

Greifvogelbestände in ganz Europa sind durch Bleivergiftungen aus Jagdmunition erheblich reduziert

Die bei der Jagd verwendete bleihaltige Munition stellt ein erhebliches Gesundheitsrisiko für Greifvögel dar, indem sie deren Nahrung belastet.
Weiterlesen

Der relativ breite Schnabel dieses Maskentrogon-Weibchens, das sich im kühlen Morgengrauen aufplustert, erlaubt das Fressen von größeren Früchten.; Bildquelle: Senckenberg/Fritz

Morphologische und ökologische Merkmale der weltweit über 11.000 bekannten Vogelarten erfasst und veröffentlicht

Der frei zugängliche Datensatz AVONET bietet erstmalig eine umfangreiche Beschreibung der morphologischen Merkmalsvielfalt der über 11.000 Vogelarten
Weiterlesen

Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Internationales Training:  Virtueller Kurs zur Lebensmittelsicherheit und -authentizität

Ein dreitägiges Training für Fachkräfte im Bereich Lebensmittelsicherheit und -authentizität bieten das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)
Weiterlesen

Rekonstruktion des Beins von Allgoviachen tortonica; Bildquelle: Christina Kyriakouli/Universität Tübingen

Neue Gattung ausgestorbener Gänsevögel entdeckt

Forscher finden rund elf Millionen Jahre alte Fossilien – Tongrube Hammerschmiede im Allgäu als Fundort
Weiterlesen

Barbara Caspers und Marc Gilles; Bildquelle: Universität Bielefeld/S. Jonek

Tarnung oder Kommunikation: Wozu Vögel ihren Geruch nutzen

Welche Sinne nutzen Vögel? Offensichtlich gebrauchen sie Gehör und Augen – schließlich singen sie und tragen oft ein buntes Gefieder. Was aber ist mit dem Geruchssinn? Lange Zeit gab es die Ansicht, Riechen spiele für Vögel keine Rolle
Weiterlesen

Gelbbrustara (Ara ararauna) auf einer Palme.; Bildquelle: Christofer Silva Oliveira via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Was Vogelschnäbel über die tropische Artenvielfalt aussagen

In Regionen der Erde, in denen fruchtfressende Vögel weitere Schnäbel haben, gibt es auch grössere Palmfrüchte, zeigt eine neue Studie
Weiterlesen